Die Seele schreit und spielt sich Moritz Kienemann an diesem Abend in der Box, der kleinsten Spielstätte des Deutschen Theaters Berlin, aus dem Leib. Er hat sichtlich Freude daran, wenn er gegen Ende seines Solos zum Rundumschlag gegen die verkrampften deutsch-jüdischen Beziehungen ausholen darf. In Noam Brusilosvskys Text rechnet er mit den „Henriettes“ ab, die sich israelische Männer angeln und ganz ergriffen von sich selbst die jüdischen Rituale mitmachen, oder mit der Aktivistin Amalia aus wohlhabendem Charlottenburger Haus, die aus Protest gegen ihre im Zentralrat der Juden engagierte Familientradition zur palästinensischen Aktivistin wird.
Gemeinsam ist diesen fiktiven Figuren ein gewaltiger Narzissmus, der sie auf das identitätspolitische Minenfeld treibt. Sie brauchen die Bestätigung, sich als etwas Besonderes zu fühlen. Auch der autofiktionale Ich-Erzähler, den Kienemann spielt, stellt sich als Narzisst, aber vor allem als Blender heraus. Seine behauptete jüdische Herkunft als Nachfahre ist erfunden und erlogen.
Dafür gibt es auch ganz reale Vorbilder, über die mehrere Stimmen aus dem Off (Journalisten oder eine Psychologie-Professorin) berichten. Die Schwäche des Abends ist, dass er dramaturgisch unentschieden bleibt. „Fake Jews“ schleicht sich an sein Thema heran, im Lauf des Abends dominieren mal eher die satirischen Momente, später wird es eher dokumentarisch mit Fakten zu realen Fällen behaupteter jüdischer Identität wie Marie Sophie Hingst und Wolfgang Seibert, die aus dem Hintergrund eingesprochen werden.
Kienemann, immerhin neben Andreas Döhler und Thomas Schmauser einer der amtierenden Schauspieler des Jahres, tut sein Bestes, diese unentschiedene Konstruktion zu überdecken, indem er sich dem Publikum noch mehr entgegenschmeißt, das in der ersten Reihe auch Speichel und Spucke des sich verausgabenden Performers abbekommt.
Schade ist, dass ein Aspekt, den Noam Brusilovsky, der in Tel Aviv geborene Autor und Regisseur des Abends, im Programmheft ansprach, an diesem Theaterabend nicht mehr vorkam: im Kaiserreich versuchten viele Juden, alles dafür zu tun, sich zu assimilieren. DT-Intendant Max Reinhardt und einige seiner damaligen Ensemble-Mitglieder werden auf dem Abendzettel als Beispiele genannt. Eine Karriere schien ihnen nur möglich, wenn sie das Judentum verleugnen. Jahrzehnte später gibt es die im Stück vorgestellten kuriosen Fälle, in denen sich Menschen eine jüdische Identität erfinden, um Profit daraus zu schlagen und sei es auch nur durch die Aufmerksamkeit für ihre Opferrolle als Holocaust-Nachfahren.
„Fake Jews“ wurde am 29. Januar 2026 in der Box des Deutschen Theaters Berlin uraufgeführt.
Bild: Jasmin Schuller